Eröffnungsrede 2026

Sehr geehrte Damen und Herren, zuallererst möchte ich Gregor Bloeb und seinem Team für die Einladung danken. Es ist mir wirklich eine große Ehre, diese Tiroler Volksschauspiele eröffnen zu dürfen.

Der Titel meiner Rede lautet „Freiheitskrampf – Der Mythos Feuernacht“. Es ist ein bewusst provokanter Titel. Aber ich muss alle jene enttäuschen, die glauben, es folgt jetzt eine radikale Abrechnung mit den Männern, die in den 1960er Jahren zu illegalen Methoden gegriffen haben, um für Südtirol etwas zu tun. Diese Generalabrechnung wird es nicht geben und sie steht mir auch sicher nicht zu.
Sehr wohl aber möchte ich aufzeigen, wie schräg, einseitig, verfälscht und gefährlich die Rezeption und Geschichte der Südtiroler Bombenjahre ist, die uns heute immer öfter präsentiert wird. Es ist eine bewusste und organisierte Geschichtsklitterung, die hier geschieht. Es wird eine Heldengeschichte zusammengezimmert, die wenig mit den realen Vorgängen von damals zu tun hat. Dabei werden Tatsachen bewusst ausgeklammert, historische Zusammenhänge nach eigenem Gutdünken umgedeutet, um einzelne Mosaiksteine zu dem Bild zusammensetzen zu können, das der jeweiligen Weltanschauung entspricht.
Vor diesem Hintergrund solle diese Rede sehr wohl eine Abrechnung sein. Aber mit allen jenen, die die Akteure und ihre Taten von damals, heute für die Umsetzung ihrer politischen Ziele missbrauchen. Immer lauter wird diese unkritische Zurschaustellung des angeblichen „Freiheitskampfes“ und immer deutlicher wird von gewissen Kreisen, die damalige Geschichte umgeschrieben, damit am Ende jenes Narrativ herauskommt, aus dem man politisches Kapital zu schlagen glaubt. Die „Feuernacht“ wird uns dabei als Deutschrock-Hit präsentiert und der „Befreiungsausschuss Südtirol“, kurz BAS, als eine Art Heimat-Verschönerungsverein verharmlost.
Dagegen werde und möchte ich heute anreden. Denn diese Instrumentalisierung ist eine Herabwürdigung und Beleidigung jener Männer und Frauen, die sich vor über 65 Jahren für ein Mitmachen bei einer illegalen Untergrundbewegung entschieden haben. Und die größtenteils, im wahrsten Sinne des Wortes, die Folgen am eigenen Leib zu spüren bekamen.

Die Mythenbildung rund um die Feuernacht beginnt bereits bei der Sprache, bei den Worten. Es ist für mich grundlegend, dass von Anfang an die Begrifflichkeiten klar definiert werden.
Vordergründig geht es dabei um eine recht bescheidene Frage: Wie soll man jene Männer (und ganz wenigen Frauen) bezeichnen, die sich zwischen 1957 und 1968 im „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) organisierten und einen bewaffneten Untergrundkampf führten?
Also.
In Österreich und im süddeutschen Raum wird auch heute noch der Begriff „Bumser“ gebraucht. Es ist auch der Begriff, den mein Freund Gregor anlässlich des Stücks „Feuernacht“ hernimmt. Diese Bezeichnung, die an den „Bumms“, den Knall einer Explosion angelehnt ist, erinnert – mit Verlaub – doch wohl eher an eine biologische Disziplin, als dass sie für eine seriöse historische Bewertung gebraucht werden kann.
Italiener hingegen sprechen von „dinamitardi“ oder „bombaroli“. Diese Begriffe kommen der historischen Wahrheit schon näher. Immerhin haben die Männer um Sepp Kerschbaumer mit Dynamit hantiert und Bomben gelegt.
Nicht nur in Südtirol geht die Entwicklung in den letzten Jahren aber genau in die entgegengesetzte Richtung. Der Begriff, der immer wieder gebraucht wird und inzwischen auch von der herrschenden Landespolitik in Süd- und Nordtirol abgesegnet wurde, ist jener der „Aktivisten“. Es ist eine gefährliche und dumme Verharmlosung, die an der historischen Wahrheit vorbeigeht und auch den beteiligten Personen nicht gerecht wird. Es gibt Gewerkschaftsaktivisten, Menschenrechtsaktivisten, Umweltaktivisten und Aktivisten, die sich für unzählige Dinge einsetzen. Aber Aktivisten, die bewaffnet durch die Nacht schleichen und Attentate auf Masten oder Rohbauten verüben, gibt es nicht. Aktivismus hat nichts mit Gewalt zu tun.

Die Bezeichnung „Terroristen“ wird vor allem von jenen benutzt, die die Anschläge ablehnen und auch heute noch als Verbrechen sehen. Es stimmt, der BAS war in seiner Form eine terroristische Untergrundbewegung. Er war (fast) militärisch organisiert, man theoretisierte und praktizierte auch Guerillataktiken, und es gab Anschläge nicht nur auf Sachen, sondern auch auf Menschen. Obwohl der Begriff damit eindeutig besser zu den Ereignissen passt als das Wort „Aktivisten“, greift auch diese Bezeichnung meiner Meinung nach, in diesem Fall zu kurz.
Terror ist die willkürliche Verbreitung von Gewalt. Er zielt ganz bewusst auf Opfer in der Zivilbevölkerung ab und versucht, mit seinen Aktionen eine größtmögliche Zahl an Opfern zu erreichen. Terror ist die Herrschaft des Schreckens. Trotz schwerwiegender Anschläge hat es diese Herrschaft in den Sechzigerjahren in Südtirol nicht gegeben. Auch weil sie nicht im Sinne der meisten Akteure war.
Vor allem aber waren die Männer und Sepp Kerschbaumer so gar nicht das, was man sich unter „Terroristen“ vorstellt. So saß der Chef des BAS in der sogenannten „Feuernacht“ zu Hause und betete, dass kein Mensch zu schaden kommen möge. Terroristen sehen anders aus.

In den volkstumpolitischen Kreisen hat aber längst ein anderer Begriff Hochkonjunktur: die Bezeichnung „Südtiroler Freiheitskämpfer“. Es ist ein sehr ideologisch eingefärbter Begriff, der völlig einseitig ist. Waren Sepp Kerschbaumer, Jörg Klotz, Luis Amplatz und die Pusterer Buam „Freiheitskämpfer“, so impliziert das, dass man damals zwischen Salurn und Brenner in Unfreiheit lebte; dass den Südtirolern grundlegende Menschenrechte, politische Grundrechte und zivile Bürgerrechte vorenthalten wurden.
Es stand im Südtirol der 50er- und 60er-Jahre sicherlich nicht alles zum Besten. Italien war aber ein demokratischer Staat und keine Kolonialmacht. Die Südtiroler hatten eine demokratisch gewählte Vertretung im italienischen Parlament. Sie saßen in allen Gremien, wo sie sich einbringen konnten. Und sie hatten ab 1955 mit Österreich eine Schutzmacht im Rücken, die das politische Problem auch auf das internationale Parkett heben konnte.
Deshalb: Wer von Freiheitskämpfern spricht, der tut das aus politisch-ideologischen Motiven. Oder – und das ist noch gefährlicher – weil er oder sie im dritten Jahrtausend einen neuen Freiheitskampf in und um Südtirol heraufbeschwören will.
Wer heute so inbrünstig von Freiheitskampf schwadroniert, muss dazu, einen weiteren wichtigen Aspekt kurzerhand ausblenden.
Die Anschläge des BAS richteten sich zwar vordergründig gegen den italienischen Staat und dessen Politik. Sie richteten sich aber auch gegen die zu zaghafte Gangart der Südtiroler Volkspartei (SVP), deren zu lasche Politik und den Versuch von Magnago & Co., statt der Selbstbestimmung für Südtirol und den Anschlusses an Österreich eine Landesautonomie zu erreichen. Waren die BAS-Leute Freiheitskämpfer, so war die offizielle Südtiroler Politik ein Teil der Unfreiheit, gegen die diese Männer kämpften.

Sie werden jetzt sagen: Wenn alle diese Bezeichnungen nicht wirklich passen. Was dann?
Ich schlage den einfachsten Begriff vor: Attentäter. Es ist ein Begriff, der nicht nur wertneutral ist, sondern der historischen Wahrheit wohl auch am nächsten kommt. Dieser Begriff verharmlost nichts, und er beschönigt nichts. Er nimmt den BAS-Männern nichts an Bedeutung, er verhöhnt sie nicht. Er überhöht sie aber auch nicht, so wie man es mit den Freiheitskämpfern macht.
Der Begriff „Attentäter“ ist dabei für mich mehr als nur begriffliche Symbolik: Er sollte auch der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Deutschen und Italienern sein, auf dem man eine seriöse gemeinsame Aufarbeitung dieser jüngsten Südtiroler Geschichte aufbauen kann.

Erlauben Sie mir – an diesem Punkt – einen kurzen persönlichen Einschub. Ich habe vor 40 Jahren am Institut für Zeitgeschichte an der Uni Innsbruck studiert und bei Professor Rolf Steininger eine Diplomarbeit über die Südtirol-Attentate geschrieben. Seitdem hat mich dieses Thema begleitet und nicht mehr losgelassen.
Dabei habe ich – in all diesen Jahren – miterlebt, wie radikal sich die Rezeption und Aufarbeitung der sogenannten „Bombenjahre“ verändert hat. Ich übertreibe bewusst: Aber heute hat fast jeder, einen in der erweiterten Großfamilie, der in der Feuernacht mit dabei gewesen sein will. Man redet darüber und mancher brüstet sich mit Taten, die es nie gab.
Als ich Ende der 1980er Jahre anfing, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, war das Klima ein völlig anderes. Es redete niemand, es herrschte ein kollektives Schweigen. Damals waren gerade die Anschläge der Gruppe „Ein Tirol“ ausgeklungen. Die Prozesse gegen die mutmaßlichen Täter waren noch am Laufen. Auch weil die italienischen Ermittlungsbehörden alles versucht haben, um eine Verwicklung der Attentäter der 1960er Jahre in diese undurchsichtigen Anschläge zu konstruieren, herrschte in den Kreisen der ehemaligen Attentäter verständlicherweise ein absolutes Misstrauen. Man redete damals nicht über die Vorgänge rund um die Feuernacht.
Ich kann mich noch gut an mein erstes Interview mit Wolfgang Pfaundler erinnern. Es war eher der Versuch eines Interviews, bei dem mich dieser Säulenheilige der Tiroler Kultur, so an der Nase herumgeführt hat, dass ich eigentlich alles wieder hinschmeißen wollte. Das habe ich zum Glück nicht getan.
Auch weil ich im Laufe der Recherche wunderbare Bekanntschaften machen durfte, die mir weitergeholfen haben. Eine davon – und hier schließt sich heute der Kreis – war jene mit Felix Mitterer. Felix recherchiert damals für ein Theaterstück und ein Drehbuch zu diesem Thema. Er schaffte es dabei – als ehemaliger Zollbeamter – noch unveröffentlichte Akten bei der Innsbrucker Staatspolizei einzusehen. Die Notizen darüber hat er mir großzügig weitergegeben. Ich habe sie heute noch. Lieber Felix Mitterer, ich kann dir nur nochmals dafür danken.

Der BAS wird bis heute immer wieder als eingeschworene, homogene Mannschaft dargestellt. Ich sage bewusst Mannschaft, denn der Beitrag der Frauen wurde jahrzehntelang im Dunkeln gelassen, bis die Autorin Astrid Kofler ein wunderbares Buch darüber machte.
Man möchte uns glaubhaft machen, dass diese eingeschworene Gruppe militärisch organisiert und im Gleichschritt für das Schicksal der Heimat kämpfte.
Die Wirklichkeit sieht aber doch deutlich anders aus. Es haben sich über 250 Personen an den Anschlägen, den Vorbereitungen und den Aktionen in den 1960er Jahren beteiligt. Die Attentäter und ihre Helfer kamen aus Südtirol, Nordtirol, Österreich, Deutschland, aber auch aus Belgien oder Frankreich.
Als ich anfing, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, war ich der Meinung, dass die Attentäter allesamt „Nazis“ und Rechtsextreme waren. Doch ich wurde rasch eines Besseren belehrt.
Denn ich habe rund 100 Menschen kennengelernt, die an den Ereignissen direkt beteiligt waren. Dabei habe ich wirklich bewegende Lebensgeschichten mitbekommen und Personen kennengelernt, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Menschen, die auf das Schwerste in den Carabinierikasernen gefoltert wurden, die beste Jahre ihrer Jugend im Gefängnis verbrachten, dann aber eine Familie gründeten, ein Unternehmen aufbauten und diese Geschichte verarbeitetet haben. Ohne Bitterkeit.
Ich habe aber auch das Gegenteil erlebt. Ewiggestrige, die in den 60er Jahren verhangen blieben, fanatisch an der Rückkehr Südtirols zu Österreich arbeiteten und nie aus dem Korsett des Volkstumskampfes ausgestiegen sind.
Diese Eindrücke spiegeln jenes breite Spektrum wider, das sich im BAS von Anfang an zusammengefunden hat. Der BAS war eine Art Koalition zwischen sehr verschiedenen politischen Positionen. Dabei kamen im BAS katholische Idealisten und ehemalige Widerständler ebenso vor wie völkische Revanchisten oder fanatische Neonazis. Es gab innerhalb des BAS verklärende Weltkriegsveteranen neben jungen radikalen Burschenschaftern und großbürgerliche Konservative neben plumpen Abenteurern und Geschäftemachern. Der kleinste gemeinsame Nenner all dieser verschiedenen Motive lag im „Einsatz für Südtirol“.
Natürlich habe ich bei meinen Gesprächen auch Nazis und Hochstapler getroffen. Aber ich habe auch gemerkt, dass den meisten der damals jungen Attentäter große politische oder ideologische Beweggründe, die über den lokalen und zeitgeschichtlichen Kontext hinausgingen, eher fremd waren. Man wollte etwas für die Heimat tun.

Es ist nicht möglich, über den BAS und die Südtiroler Bombenjahre zu sprechen, ohne dabei kurz auf die Person von Sepp Kerschbaumer einzugehen. Sepp Kerschbaumer war nicht nur der Gründer des BAS, sondern bis zu seiner Verhaftung auch die eindeutige Führungsfigur der Bewegung. Während die österreichischen Intellektuellen – wie etwa Wolfgang Pfaundler, Fritz Molden oder Helmuth Heuberger – zu Theoretikern des BAS wurden, war der über die Volksschule nie hinausgekommene Kerschbaumer die natürliche Autorität im BAS. Es war seine einfache, konsequente und überzeugende Art, die ihm von Anfang an die nötige Anerkennung innerhalb der Gruppe verschaffte und ihn zum Kopf der Bewegung machte.
Das aber erkannte ein prominenter Teil des BAS in Österreich nicht an. Vor allem als Fritz Molden auftauchte, damals der größte österreichische Verleger und Zeitungsbesitzer, und den Kampf großzügig finanzierte. Im Schlepptau von Wolfgang Pfaundler, der als eine Art Oberpartisan, mit allen Mitteln die Bewegung anführen wollte. Auch deshalb kam es lange vor der Feuernacht zu einem unüberbrückbaren Konflikt.
Es war ein offener Kampf um den Führungsanspruch in der illegalen Untergrundbewegung. Wolfgang Pfaundler sah sich als Chef der Truppe auserkoren und er tat alles, um Kerschbaumer auszuschalten. Was ihm aber nicht gelungen ist. Sieben Monate vor der Feuernacht kommt es dann zu einem Bruch zwischen der Molden/Pfaundler-Gruppe und der Kerschbaumer-Gruppe.
In diesem Streit ging es auch um die Taktik und Vorgangsweise. Während Sepp Kerschbaumer und seine Gruppe auf demonstrative Anschläge auf Strommasten, faschistische Denkmäler oder auf sich in Bau befindliche Volkswohnbauten setzen, bereiten Molden und Pfaundler einen Partisanenkampf in Südtirol vor. Einen eifrigen Verbündeten für diesen Plan eines Guerillakampfes fand man in Jörg Klotz. Der Psaiser Schützenkommandant hatte sich nach seiner Heimkehr aus dem Krieg nicht mehr in der Zivilgesellschaft zurechtgefunden. Er warte – wie einige andere auch – nur darauf, wieder in den Kampf ziehen zu können. Jetzt schien die Zeit gekommen.
Dazu schmuggelte man über den Brenner aus Österreich nicht nur Sprengstoff, sondern auch Waffen: Hunderte von Pistolen, Gewehren und auch Maschinenpistolen. Überall in Südtirol legten die BAS-Leute geheime Waffenlager an. Und die meisten BAS-Leute gingen in der Feuernacht bewaffnet zum Sprengen. „Wir wollten nicht schießen, aber wir hätten uns auch nicht so einfach fangen lassen“, erklärte mir ein Unterlandler BAS-Mann den Umgang mit den Waffen.
Man kann nur von Glück sprechen, dass sich – wenigstens bis zur Verhaftung der gesamten Kerschbaumergruppe – vier Wochen nach der Feuernacht, nicht die Pfaundler/Klotz-Gruppe durchgesetzt hat. Sonst wären die Folgen der Feuernacht wohl weit dramatischer gewesen.
All das vergisst und unterschlägt man heute in der romantisierenden Darstellung der Feuernacht.

Vor diesem Hintergrund haben sich in den vergangenen Jahren zwei Lesarten durchgesetzt, die beide der historischen Realität nicht entsprechen.
Zum einen die Einteilung der Attentäter in „gute Südtiroler“ und „gefährliche ausländische Nazis“. Diese Unterteilung ist ein völliger Blödsinn. Denn dieser Konflikt und die unterschiedlichen ideologischen Ansichten gehen quer durch den gesamten BAS. Es gab in Österreich Dutzende Mitstreiter, die sich völlig idealistisch und ohne Hintergedanken dem Kampf von Sepp Kerschbaumer & Co. angeschlossen haben und viele Opfer und Nachteile auch für ihre Familien in Kauf nehmen mussten. Als besonderes Beispiel sei hierfür der Innsbrucker Kaufmann Kurt Welser genannt, der damals weit mehr für den BAS getan hat, als viele jener Schreibtischtäter, die sich später groß in Szene gesetzt haben. Ebenso möchte ich Herlinde und Klaus Molling nennen, die es bis zur Jahrtausendwende schafften, ihr damaliges Engagement nicht an die große Glocke zu hängen.
Ich kann ihnen zudem versichern, dass es auch unter den sogenannten „braven Südtirolern“ Figuren gibt, deren Fanatismus und Zweideutigkeit, weder Verständnis noch Bewunderung verdienen.

Die Aufarbeitung der Südtiroler Bombenjahre ist inzwischen zu einem Geschäftszweig gewisser Parteien und Gruppierungen verkommen. Sie versuchen, die Geschichtsschreibung gekonnt zu monopolisieren. Zugute kommen ihnen dabei die konsistenten Finanzmittel einer ominösen Liechtensteiner Stiftung.
Das Narrativ dabei ist die absolute Verklärung der Attentate zu einer Tiroler Heldengeschichte.
Die sogenannten „Südtiroler Freiheitskämpfer“ haben – nach dieser Lesart – nur Masten gesprengt und demonstrative Attentate verübt. Alle tödlichen Anschläge und alle Toten in den 1960er Jahren sind das Werk der Geheimdienste oder anderer sinistrer Kräfte.
Selbst die damaligen Akteure, die sich nicht an diese Vorgaben halten, werden ausgeschlossen und bekämpft. Das musste auch der inzwischen verstorbene „Pusterer Bua“, Siegfried Steger, der jahrzehntelang hier in Telfs lebte, am eigenen Leib erfahren. Als er
vor Jahren seine Lebenserinnerungen publizieren wollte.
Weil das Buch nicht diesen Vorgaben entsprach und Siegfried Steger auch über die Opfer schreiben wollte und über Aktionen, bei denen es Tote gegeben hat, haben diese patriotischen Kreise alles getan, um das Erscheinen des Buches zu verhindern.
Es ist der klare Versuch, die Geschichte dreist umzuschreiben.
Natürlich war es so, dass Südtirol und der Südtirol-Konflikt in den 1960er Jahren eine Art Exerzierfeld nicht nur für die italienischen Sicherheitsbehörden, sondern auch für Geheimdienste aus der ganzen Welt waren. Ich habe darüber zwei Bücher geschrieben.
Sicher ist auch, dass manche der angeblich so blutrünstigen Attentate, keineswegs so verlaufen sind, wie man bis heute behauptet. Belegt ist auch, dass es agents provocateurs, Mordanschläge auf BAS-Leute und Aktionen unter falscher Flagge gegeben hat.
Daraus aber die Maxime abzuleiten, alle Toten unter den italienischen Sicherheitsbehörden seien von den Geheimdiensten inszeniert worden, ist völliger Humbug.
Und eine politische Instrumentalsierung.

Lassen Sie mich zum Schluss kommen.
Wenn wir heute über die Feuernacht reden, dann sehen wir die Fotos der umgestürzten Masten. Aber kaum jemand hat die Bilder des zerfetzten Leichnams des Straßenwärters Giovanni Postal gesehen. Postal wurde am Morgen des 12. Juni 1961 das Opfer einer Sprengladung, die der BAS an einen Baum an der Sprachgrenze bei Salurn angebracht hatte. Die Ladung ging nicht los und Postal wollte sie am nächsten Tag vom Baum nehmen. Dabei explodierte sie.
Es war ein unglücklicher Zufall, ein Unfall. Ganz sicher.
Es ist aber auch die andere Seite der Feuernacht und der Südtiroler Bombenjahre, die man lieber unter den Teppich kehrt.

Wer zu Gewalt greift, dem muss klar sein, dass die Entwicklung vorgezeichnet ist.
Es beginnt mit Gewalt gegen Sachen, mit Molotowcocktails, mit demonstrativen Anschlägen, und endet mit dem Tod von Menschen. Gewalt erzeugt die Gegengewalt des Staates oder anderer Gruppierungen. Unweigerlich dreht sich damit die Spirale der Gewalt immer höher. Irgendwann zählen dann Menschenleben nicht mehr. Das können Sie bei Dutzenden ähnlichen Gruppierungen und Organisationen nachverfolgen, wie es das BAS war.
Und das sollte auch eines der Vermächtnisse sein, das wir alle aus der Feuernacht mitnehmen sollten.
Ich habe– wie gesagt – einen großen Teil der Akteure rund um die Feuernacht persönlich kennengelernt. Ich hatte dabei eindrucksvolle Begegnungen. Ich habe aber auch Verrückte, Fanatiker, Nazis und Abenteurer kennengelernt. Vor allem habe ich aber mit Menschen gesprochen, die redlich, authentisch und zurückhaltend waren. Menschen, die damals aus Sorge um die Zukunft Südtirols gehandelt haben und die sich der Folgen ihrer Handlungen durchaus bewusst waren. Und deshalb auch nicht Stolz, Genugtuung oder Übermut heraushängen ließen. Manche dieser Männer und auch Frauen sind im Laufe der Jahre für mich zu Freunden geworden.
Genau diesen Attentätern und BAS-Mitgliedern tut man aber Unrecht, wenn man sie jetzt politisch instrumentalisiert.
Und dagegen sollten wir uns wehren.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Nachricht dauerhaft ausblenden