was heißt da „volksschauspiel“?

der ruf des begriffs

der begriff „volksschauspiel“, so wie ihn eduard devrient 1848 in seiner „geschichte der deutschen schauspielkunst“ als gattungsbezeichnung verwendet hatte, bezog sich im wesentlichen auf das, was es an zeugnissen über das theater des mittelalters und auf die darauf zurückweisenden spieltraditionen aufzufinden war. mit adolf pichlers untersuchung der „sterzinger spiele“ festigte sich allmählich der ruf tirols als kernland der sogenannten „süddeutschen volksschauspiellandschaft“. der ruf ist zum mythos vom homo ludens tyroliensis geworden. Ja, es wird in tirol viel theater gespielt, aber wirklich so viel mehr als anderswo? Anderswo wird und das ohne zweifel, wird weniger auf den ruf geachtet. Es hat in tirol immer anlässe gegeben, auf den Ruf des „spielenden Volkes“ wert zu legen. aber wenn in tirol besonders viel und mit leidenschaft theater gespielt wird, gibt es noch lange keinen Grund zur berechtigung der behauptung, dass das darstellende spielen ein wesenszug des „tiroler volkes“ sei, durch den es als besonders gelten darf. allen, die bis heute den mythos vom „homo ludens tyoliensis“ verbreiten, hängen letztlich einem völkischen denken nach, das verhindert, den zusammenhang zwischen spielleidenschaft und sozialen umständen zu erkennen. „im spiel entsteht kultur“ schreibt Jan Huizinga im „homo ludens“. gespielt wird, wo ein prozess der kultivierung im gange ist. das kann ein prozess der gemeinschaftsbildung, einer der indiviualisierung, einer der verweltlichung oder wie auch immer sein. volksschauspiele sind begleiterscheinungen von gesellschaftlichen prozesse und treten umso vitaler in erscheinung, je umbruchsartiger diese prozesse sind. Einmal auf diese fährte gekommen, eröffnen sich im bewerten der geschichte des tiroler volksschauspielens gänzlich neue einsichten.

wer hat die alten volksschauspiele geschrieben?

wer fragt das? worauf zielt die frage? auf eine brauchbare antwort, um die auswahl von theaterstücken als verpflichtung einer tradition gegenüber zu rechtfertigen? die frage nach dem wesen des volksschauspiels war zunächst literaturgeschichtlicher art. man untersuchte texte, ging den abhängigkeiten voneinander bis hin zu ältesten quellen nach und stellte fest, dass da meist keine autoren genannt sind. das volk hat diese volksschauspiele gewiss nicht geschrieben, es konnte zu der zeit noch gar nicht schreiben und wenn da etwas im volk mündlich überliefert wurde, dann blieb der ursprung ohnehin unbekannt. volksschauspiel ist ein wechselspiel zwischen hin und wieder bekannten spielführern (wie etwa vigil raber) und dem volk, das auf und hinter der bühne stand.

volkstheater heute spannt den bogen zum alten volksschauspiel, indem es sich zu methoden des epischen theaters bekennt.

wie kann sich das volk ins spiel bringen?

volksschauspiel: „wie bringt sich das volk ins spiel“? ist das überhaupt möglich? braucht es da nicht immer jemanden, der es ins spiel bringt? wenn es das aus sich selbst kann, braucht es da nicht zumindest mütter und väter, die von beginn an mit im spiel sind? und wenn sich das volk von natur aus ins spiel bringt: mit welchen methoden? über die hintertüre der narretei? wie ergreift es das ruder im spiel um mitsprache und macht? wie rudert es zurück, wenn es zu weit gegangen ist? kann sich ein kollektiv ungestraft ins spiel bringen, ohne spielregeln erprobt zu haben? erklärt es alles nur gespielt haben zu wollen, um der strafe zu entgehen? und was ist das für ein schiff, das es bewegen will? wie, wenn es begreift, in ein narrenschiff eingestiegen zu sein, wo trotz aufgeblasener segel kein fortkommen ist? wie, wenn es gleich wieder darauf verzichtet, ins spiel kommen zu wollen, weil das steuerruder klemmt und kein ziel ansteuerbar ist? wie im sturm der zeit? wie, wenn es gar nicht ins spiel kommen will, weil es das schiff den wellen ausgeliefert sieht? kommt das volk gelbwestenartig ins spiel? ist das bauen von barrikaden mehr als ein rütteln an unverrückbaren ankern der macht?

wie soll das volk ins spiel kommen, wenn die größte partei diejenige der nichtwähler ist? heißt das nicht das spiel verweigern? ist es andererseits überhaupt möglich, sich dem spiel zu entziehen? dem statusspiel? wie bringen wir das volk ins spiel, wenn es gar nicht, oder noch nicht dazu bereit ist? und wer sind wir, die diese frage stellen? wir können sie stellen, aber scheitern, weil wir nicht das volk sind. alle, die behaupten, es zu sein, wollen für alle sprechen. alle sind für das volk und wollen vielleicht auch alles für das volk. alle wollen, aber wo ist der weg, um dem willen zu folgen, ohne uns am ende als blinde karawane über die felskante abgestürzt zu erleben? ist das volk im spiel, wenn es sich dem spiel der wellen im ozeanischen gefühl hochschaukeln lässt? türmt sich bei diesem spiel die welle nicht zum zunami auf, um am ende ein leichenheer an den strand zu spülen? kommt das volk ins spiel, wenn ihm emotional schrankenlos die möglichkeit gegeben wird, sich öffentlich zu äußern? ist das nicht ein böses spiel mit freiheit, gleichheit, brüderlichkeit und schwesterlichkeit, wenn es keine entsprechenden spielregeln der disziplinierung und der kultivierung von kritikfähigkeit gibt? was ist das für ein spiel, wenn sich unmündige den mund voll nehmen? kurzum: wie bringt sich das volk ins spiel, damit das spiel ein spiel bleibt? das volk kommt nur dann ins spiel, wenn es sich auf spielregeln einlässt.

und die erste und einzig notwendige regel heißt, das spiel ist ernst zu nehmen und nur so verdient es spiel genannt zu werden, dessen wesen darin besteht, kultur zu entwickeln. im volksschauspiel bringt sich das volk spielerisch in den entstehungsprozess der kultivierung ein. ob dazu angeleitet oder aus der natur heraus ist dabei unerheblich. in beiden fällen werden rollen übernommen. volksschauspiel ist jedenfalls kein ausleben des spieltriebes, sondern ein kultivieren desselben. Und: volksschauspiel ist nicht eine besondere art einer bestimmten spezies mensch.

der glaube an das volksschauspiel als gegenmacht

in diesem geist des glaubens an die gegenmächtigkeit des volkes hat adolf pichler, ein vorkämpfer des „jung tirol“, 1848 sein standardwerk zum ursprung der tiroler volksschauspiele aus dem geist des in seiner geschlossenheit brüchig gewordenen mittelalters geschrieben. da fällt der groschen und eine neue kernfrage tut sich auf, die frage nach dem zusammenhang der bedeutung von volksschauspiel in wendezeiten. und wenn wir den gedanken weiterverfolgen, eröffnen sich nicht nur einsichten in die rolle des volksschauspiels im zusammenhang mit der revolution von 1848. im spiel bekommt das volk seine helden und die herrschaft ruhe und ordnung zurück. den vorgang gibt es zu allen krisenzeiten. im vorrevolutionären klima der aufklärung hat maria theresia die volksschauspiele in tirol verboten. oha! in der zeit davor hat es einen deal mit der kirche gegeben. die kirche hat dem volk im spiel seine heiligen verehren lassen. nun aber, wo diese spiele nicht nur mehr heiligenspiele waren, sondern auch weltliches ins spiel gekommen ist, stand plötzlich die gefahr der zusammenrottung von volk im und durch das volksschauspiel als bedrohung im raum. die kirche bangte um ihre schäfchen im prozess der verweltlichung und animierte das volk dazu, weiter an ihren heiligen spielen festzuhalten und hatte erfolg damit. schließlich hatte das volk noch an die magische kraft des spielens geglaubt, daran, dass mit „gelobten spielen“ unwetter vertrieben, seuchen verhindert und krankheiten geheilt werden können. der schuss der aufklärung ihren fight mit der kirche auf der bühne des volkstheaters auszutragen ging daneben. das verweigerte spiel im vorrevolutionären klima der französischen revolution kippte in den ernst des Schlachtens, bei dem das Volk am altar der bitteren spiele um die macht in europa geopfert wurde.

wie im niedergang volksschauspiel aufblüht

die hochblüte der mittelalterlichen volksschauspielkultur mit ihrem christlichen weltbildtheater und dem fasnachtspiel fällt nicht mit der hochblüte des mittelalters zusammen, sondern markiert dessen ende. es hat also eine bedeutung im wechsel hin zu einer neuen zeit, inmitten eines revolutionären, sozialen und gesellschaftlichen umbruchs, inmitten des gefälles zwischen glanz und glorie des (letzten) rittertums und dem geopferten volk, das keinen schutz mehr in den burgen fand. genau in diese zeit fällt die blüte des volksschauspiels. was für eine rolle spielt das volk dabei? es spielt allenfalls gegen die rolle an, die man ihm in der realität zudiktiert. im spiel spaltet sich die erlebte realität von der vorstellung der wirklichkeit ab. ein musterbeispiel zur erklärung dieser feststellung sind die protokolle des mäuseprozesses aus glurns vor genau 500 jahren. in der von kaiser maximilian verlorenen calvenschlacht wurde die gegend grausam entvölkert. und das „volksschauspiel“ zur aufarbeitung der schlachtung des volkes war dann ein schauprozess gegen die rattenplage, ein realtheater zur entschuldigung der obrigkeit mit der verurteilung der mäuse zur zwangsauswanderung wegen verursachtem ernteausfall und beschädigung von grund und boden. theater? realität? spiel? was wurde geglaubt? was wurde glauben gemacht? wer hat daran glauben müssen?

kulturwert volksschauspiel

im spiel, sagt jan huizinga, entsteht kultur. ganz nach dieser einsicht lässt sich volksschauspiel in seiner

bedeutung als kulturvermittlung beschreiben. im vermitteln von sich verändernden wertvorstellungen, im vermitteln der abspaltung der realität von wirklichkeit (bzw. möglichkeitswelten im sinn von robert musil) in diesem spiel werden die bilder alter weltordnungen vor augen geführt. auf der bühne sind ist all das noch gültig, was in der realität an gültigkeit verloren hat. volksschauspiel bedeutet eine welt vor augen zu führen, von der im spiel abschied genommen wird, bzw. vollzieht sich im entstehenden spielbewusstsein der abschied. volksschauspiel als trauerarbeit. dieser überlegung hatte hugo von hofmannsthal zum programm der salzburger festspiele erklärt. die versinkende aristokratische kultur möge, auf die bühne transponiert, als spielrealität die monarchie überleben. also, im volksschauspiel entsteht nicht nur kultur und wird nicht nur kultur vermittelt, sondern soll auch kultur überleben.

dr. ekkehard schönwiese