Die Tiroler Volksschauspiele 2019 sind vorbei.

Es waren die aufwändigsten aber auch erfolgreichsten Spiele in unserer 38-jährigen Geschichte.

2019 ist ein Jahr der denkwürdigen Jahrestage.
Nicht nur der Todestag Maximilians I. von Habsburg jährt sich zum 500. Mal und nicht nur die Zillertaler Erstaufführung von „Stille Nacht“ in der Pfarrkirche zu Fügen zum 200. Mal, auch die schicksalhafte Festschreibung der Brennergrenze nach dem 1. Weltkrieg wird heuer 100 Jahre alt, und in deren Folge die Entscheidung, vor die alle deutschsprachigen Südtiroler 1939 gestellt wurden: Vaterland oder Muttersprache, die sogenannte „Option“, wurde heuer 80. Diesem gleichermaßen verdrängten wie brisanten Teil der jüngeren Tiroler Geschichte haben sich die Tiroler Volksschauspiele 2019 mit dem Projekt VERKAUFTE HEIMAT – DAS GEDÄCHTNIS DER HÄUSER verschrieben.

Der Abriss der meisten Südtiroler Siedlungen in ganz Tirol und damit auch in Telfs, hat uns die Möglichkeit eröffnet einen Spielort zu adaptieren, wie er inhaltlich, ästhetisch und aufführugspraktisch in den nächsten 100 Jahren wohl schwerlich noch einmal zu finden sein wird. Trotz tatkräftiger Hilfe des Eigentümers und Bauträgers NEUE HEIMAT, für die wir uns auch an dieser Stelle noch einmal sehr herzlich bedanken – Ehre wem Ehre gebührt – ging das Projekt an die Grenzen der finanziellen Möglichkeiten der Tiroler Volksschauspiele:
an die 50 Darsteller (das sind deutlich mehr als bei sonst üblichen 2 oder 3 Produktionen)
40 Mitarbeiter hinter der Bühne in Werkstätten, Karten- und Betriebsbüro (was für so eine Großproduktion sehr wenige sind).

Das Risiko hat sich gelohnt, 4 Tage nach der Premiere waren alle Karten restlos ausverkauft. Am Kartenschalter der Abendkasse haben sich im Kampf um nicht abgeholte Restkarten Dramen abgespielt.
Alle 26 geplanten Vorstellungen wurden gespielt, auch bei Gewitter und Regen.
Das Feedback der Zuschauer war einhelliges Lob, emotionale aber auch intellektuelle Betroffenheit.
Es freut mich, dass es uns heuer möglich war, eine der wesentlichsten Zielsetzungen der Tiroler Volksschauspiele unter spektakulären Rahmenbedingungen in die Tat umzusetzen: Geschichte, in diesem Fall unsere Tiroler Geschichte, sogar tabuisierte Tiroler Geschichte, auf adogmatische Weise, nämlich durch Zuschauen erlebbar zu machen oder wie Adrienne Mnouchekine gesagt hat: sich an etwas zu erinnern, was man nicht erlebt hat. – Dieses Wunder kann das Theater wirken.

Das heurige RAHMENPROGRAMM stand in der öffentliche Wahrnehmung naturgemäß, aber unverdienter Weise, im Schatten der gestürmten Hauptproduktion.
Die zum Südtirol-Thema gehörigen Abende mit „Pusterer Bua“ Siegfried Steger, Annemarie Regensburger und Christine Ostermayer/Joseph Zoderer fanden trotzdem ihr interessiertes und dankbares Publikum. Kusz‘s Witwendramen mit der Familie Thalbach, die Vaginas im Dirndl, sowie die Comedies „Match Me If You Can“ und „Drüber“, die Kabarett und Musikkabarettabende von Markus Koschuh, Markus Linder und Christine Eixenberger und die neue Volksmusik von JÜTZ haben dem heurigen ernsten Tenor der Spiele komödiantische Glanzlichter angesteckt.
Wir bedanken uns beim Theater im Container für die Ehre ihrer Premiere der Komödie „Der Vorwand“ und bei der Steudltenn für ihr grandioses Gastspiel mit F. Mitterers „Mein Ungeheuer“.

Und die Spiele 2019 in dürren Zahlen:
Zuschauer VERKAUFTE HEIMAT – DAS GEDÄCHTNIS DER HÄUSER: 11.800
Zuschauer Rahmenprogramm: 2.600
Platzausnutzung in %: 98 %

Wir bedanken uns herzlich für die Aufmerksamkeit, mit der Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren von Presse und Medien, die Tiroler Volksschauspiele auch heuer wieder begleitet haben.

Ich verabschiede mich mit Stolz und erleichtertem Herzen.

Markus Völlenklee
Obmann der Tiroler Volksschauspiele in Telfs

Neues Design 2018

Der berühmte Tiroler Künstler und Maler Anton Christian hat 2018 ein aussagekräftiges neues Logo und Design für die Tiroler Volksschauspiele entworfen.
Das menschliche Wesen in der Maske des Ziegenbocks hat die Maske abgenommen. Zum Vorschein kommen drei Köpfe mit verschiedenem Ausdruck, die ihren animalischen Anteil nicht verleugnen wollen. Der Geheimnisvollste in der Mitte erinnert an einen grinsenden Tod, der immer mitten unter uns weilt, ob wir ihn sehen wollen oder nicht.
„Den Ziegenbock – einst ein Wunschsymbol des Markus Völlenklee – nun gegen drei Köpfe fiktiver Schauspieler zu tauschen war spannend, in diesen Tagen. Animal protection against humanity, you know! Mögen nun die drei Köpfe ebenso lange und intensiv für die Tiroler Volksschauspiele werben, wie’s der Bock getan hat – das wünsch’ ich mir“, ergänzt Anton Christian.

DIE TIROLER VOLKSSCHAUSPIELE TELFS:

Allgemein
Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Theaterfestival, das jährlich im Juli und August in Telfs in Tirol stattfindet. Es gibt keine feste Spielstätte, es werden Spielorte für die jeweiligen Stücke gesucht, die dann für die Inszenierung adaptiert werden. Die Zusammenarbeit von Profis und Laien wird seit Beginn gepflegt. Der Spielplan ist einerseits der Pflege des Volkstheatererbes verpflichtet, andererseits auf die Entwicklung eines modernen Volkstheaters ausgerichtet. Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Verein. Der Vorstand setzt sich derzeit zusammen aus: Markus Völlenklee (Obmann), Karl-Heinz Steck (Stellvertreter), Silvia Wechselberger (Geschäftsführerin), Alfred Konzett, Felix Mitterer, Klaus Rohrmoser und Susi Weber.

Geschichte
Kurt Weinzierl hatte die Idee, die im deutschsprachigen Raum arbeitenden Tiroler Profischauspieler, Bühnenbildner, Komponisten etc. nach Tirol zu bringen, um unser heimatliches Volkstheater gemeinsam mit den dortigen Künstlern neu zu beleben. Er fand Mitstreiter in Dietmar Schönherr, Otto Grünmandl und Josef Kuderna.

1981 wurde durch den FS-1-Intendanten Wolf in der Maur die Finanzierung möglich. So fanden die ersten Tiroler Volksschauspiele in der Burg Hasegg in Hall statt. Gespielt wurden “Die sieben Todsünden und ein Totentanz” von Franz Kranewitter – acht Einakter an zwei Abenden, inszeniert von sieben Regisseuren. Auf der Bühne waren zu sehen: Julia Gschnitzer, Ruth Drexel, Krista Posch, Hanne Rohrer, Dietmar Schönherr, Hans Brenner, Walter Reyer, Otto Grünmandl, Richard Haller, Franz Mössmer, Klaus Rohrmoser, Markus Völlenklee uva. Die Regisseure waren Ruth Drexel, Kurt Weinzierl, Reinhard Schwabenitzki, Dietmar Schönherr, Josef Kuderna, Gernot Friedl und Alf Brustelin. Weitere Mitwirkende waren Bert Breit (Musik), Peter Lefor (Geige), Felix Mitterer (Moritaten) und Max Keller (Licht).

1982 – die zweite Spielzeit – sollte “Kaiser Josef und die Bahnwärterstochter” von Herzmanowsky-Orlando mit neuer Musik von Werner Pirchner und eine Neuinterpretation des im Nationalsozialismus bewusst umgedeuteten Stücks von Karl Schönherr “Glaube und Heimat” bringen, sowie die Uraufführung eines Gegenwartsstücks, nämlich Felix Mitterers Passion Stigma. Die Stadt Hall lehnte das Stück damals als “Ansammlung von Schweinereien und Religionsverhöhnung” ab und war nicht mehr bereit, die Spiele zu veranstalten, falls “Stigma” auf dem Spielplan bliebe.

In dieser Situation bot sich Telfs unter Bürgermeister Helmut Kopp den Volksschauspielern als Veranstaltungsort an. Bis heute finden die Schauspiele in Telfs statt. Eine Vorveröffentlichung von “Stigma” führte zu landesweiten Empörungsbekundungen, es regnete Protestbriefe, Strafanzeigen gegen die Verantwortlichen und sogar Bombendrohungen gegen den Telfer Bürgermeister. Über 70 Zeitungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schickten Kritiker. Trotz der aufgeheizten Stimmung blieb der Skandal bei der von der Polizei geschützten Uraufführung aus.

In den kommenden Jahren kämpften die Volksschauspiele immer wieder um ihren Fortbestand. Der Rückzug des ORF als Hauptgeldgeber schien das Ende zu bedeuten, aber Hans Brenner und Ruth Drexel erhielten die Spiele mit Notprogrammen aufrecht, bis sich Gemeinde, Land und Bund bereit fanden, die Finanzierung dauerhaft zu gewährleisten. 1985 löste Hans Brenner Dietmar Schönherr als Obmann ab und blieb es bis zu seinem Tod 1998. Unter seiner Ägide wurden er und Ruth Drexel zu den künstlerisch prägenden Persönlichkeiten. Nach Brenners Tod leitete Drexel die Spiele bis 2009. Als ihr künstlerisches Hauptziel nannte sie, Volkstheater als Instrument zur kritischen Auseinandersetzung mit der gelebten Realität zu etablieren – klug, scharf und unterhaltsam – aber unabhängig vom Bildungshintergrund verständlich.

Programm
Eine Liste der aufgeführten Stücke und weitere Informationen sind unter Archiv zu finden.