Schlussbericht Tiroler Volksschauspiele Telfs 2017

Das waren die Tiroler Volksschauspiele Telfs 2017: Über 70 Veranstaltungen, 
11.600 Zuschauer und eine Auslastung von 83 %.

Der Sommer ist zu Ende und die Tiroler Volksschauspiele ziehen die Bilanz aus der Spielzeit 2017 – wir haben Grund zur Freude: Insgesamt 11.600 Besucher brachten die Volksschauspiele dieses Jahr nach Telfs, was einer Gesamtauslastung von 83 % entspricht. Drei Eigenproduktionen und eine Wiederaufnahme sowie ein außergewöhnliches Rahmenprogramm boten die Spiele heuer im Sommer in über 70 Veranstaltungen: Markus Völlenklees Tiroler Fassung von Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben von Kurt Wilhelm im Zirkuszelt hat unseren Besucherrekord gesprengt. Das Ensemble um den Boandlkramer, gespielt von Markus Völlenklee, der gleichzeitig Regie führte, hat uns einen bahnbrechenden Erfolg in künstlerischer Hinsicht wie auch in der Auslastung beschert.
Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft. von Ewald Palmetshofer im großen Rathaussaal war ein Wagnis, das wir aufgrund des Potentials des Stückes eingegangen sind. Und Susi Weber hat es geschafft, dieses Potenzial auch umzusetzen: Standing Ovations, überzeugte Kritiker, entsprechende Berichterstattung – trotz allem war die Auslastung leider gering, wenngleich man aber betonen muss, dass avantgardistische Stücke dieses Formates selten die große Masse begeistern, dafür aber ihre perspektivenverändernde Wirkung umso nachhaltiger entfalten. Und das ist eine der zentralen Aufgaben des Theaters, wie wir es verstehen.
Das poetisch-zeitgeistige Stück Lampedusa von Anders Lustgarten im Kranewitterstadl überzeugte gerade diejenigen, die wegen dem wenn auch nur oberflächlichen Bezug zum Flüchtlingsthema zuerst nicht hin wollten. Die sparsam-eindrückliche Inszenierung von Thomas Blubacher begeisterte sowohl die Presse als auch das Publikum. Trotz donnerndem Applaus und guten Kritiken war auch hier die Auslastung unter unserer Erwartung. Das Ausmaß der Abschreckung des Themas wurde von uns offenbar unterschätzt, wenngleich wir die Stückauswahl trotzdem in keiner Weise bereuen.
Felix Mitterer erfreute uns mit einer ausverkauften Wiederaufnahme von Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie. Es ist ein großer Verdienst Mitterers, Kafka unter die Leute zu bringen und unsere Vorstellung von dem, was Volkstheater leisten muss, so direkt und erfolgreich umzusetzen.
Die Ausstellung zu Chryseldis Hofer-Mitterers Plakatkunst, die vom Kulturreferat der Marktgemeinde Telfs in enger Zusammenarbeit mit Anna und Felix Mitterer kuratiert wurde sowie die einfühlsame und sehr intime Lesung Felix Mitterers für seine langjährige Gefährtin berührte uns und unser Publikum.
Unsere Weltpremiere, das Konzert von Georg Ringsgwandl mit Willi Resitarits, die Lesung von Theatergröße Wolfgang Hübsch aus Thomas Bernhards Der Theatermacher und die Lesung Ist die schwarze Köchin da? von Wolfgang Hübsch und Christine Ostermayer wurden vom Publikum ebenso goutiert wie das Chorkonzert des MGV Telfs und die Lesung Wenn Weiberleit sig trauen von Annemarie Regensburger und Julia Gschnitzer. Zu guter Letzt gab es im Rahmenprogramm noch eine Kooperation mit dem Telfer Kultur- und Bildungsforum, die Karl Schönherr zu seinem 150. Geburtstag gewidmet war – Markus Völlenklee las einschlägige Texte und Briefe, die Schönherr in und zu Telfs verfasst hat, kommentiert und begleitet vom Telfer Historiker Stefan Dietrich. 


Die diesjährige Programmgestaltung ist in mehrerlei Hinsicht gelungen: Wir blicken auf eine zufriedenstellende Auslastung unserer über 70 Veranstaltungen zurück, haben hochaktuelle Stücke gezeigt, einem Volkstheaterklassiker Tiroler Luft eingehaucht, unsere Zielsetzung, der Arbeit am Volkstheaterbegriff auf originelle Weise Rechnung getragen und unser Publikum erfreut. Es war ein guter Sommer, eine gute und erfolgreiche Spielzeit 2017.

Markus Völlenklee
Obmann der Tiroler Volksschauspiele

DIE TIROLER VOLKSSCHAUSPIELE TELFS:

Allgemein
Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Theaterfestival, das jährlich im Juli und August in Telfs in Tirol stattfindet. Es gibt keine feste Spielstätte, es werden Spielorte für die jeweiligen Stücke gesucht, die dann für die Inszenierung adaptiert werden. Die Zusammenarbeit von Profis und Laien wird seit Beginn gepflegt. Der Spielplan ist einerseits der Pflege des Volkstheatererbes verpflichtet, andererseits auf die Entwicklung eines modernen Volkstheaters ausgerichtet. Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Verein. Der Vorstand setzt sich derzeit zusammen aus: Markus Völlenklee (Obmann), Karl-Heinz Steck (Stellvertreter), Silvia Wechselberger (Geschäftsführerin), Alfred Konzett, Felix Mitterer, Klaus Rohrmoser und Susi Weber.

Geschichte
Kurt Weinzierl hatte die Idee, die im deutschsprachigen Raum arbeitenden Tiroler Profischauspieler, Bühnenbildner, Komponisten etc. nach Tirol zu bringen, um unser heimatliches Volkstheater gemeinsam mit den dortigen Künstlern neu zu beleben. Er fand Mitstreiter in Dietmar Schönherr, Otto Grünmandl und Josef Kuderna.

1981 wurde durch den FS-1-Intendanten Wolf in der Maur die Finanzierung möglich. So fanden die ersten Tiroler Volksschauspiele in der Burg Hasegg in Hall statt. Gespielt wurden “Die sieben Todsünden und ein Totentanz” von Franz Kranewitter – acht Einakter an zwei Abenden, inszeniert von sieben Regisseuren. Auf der Bühne waren zu sehen: Julia Gschnitzer, Ruth Drexel, Krista Posch, Hanne Rohrer, Dietmar Schönherr, Hans Brenner, Walter Reyer, Otto Grünmandl, Richard Haller, Franz Mössmer, Klaus Rohrmoser, Markus Völlenklee uva. Die Regisseure waren Ruth Drexel, Kurt Weinzierl, Reinhard Schwabenitzki, Dietmar Schönherr, Josef Kuderna, Gernot Friedl und Alf Brustelin. Weitere Mitwirkende waren Bert Breit (Musik), Peter Lefor (Geige), Felix Mitterer (Moritaten) und Max Keller (Licht).

1982 – die zweite Spielzeit – sollte “Kaiser Josef und die Bahnwärterstochter” von Herzmanowsky-Orlando mit neuer Musik von Werner Pirchner und eine Neuinterpretation des im Nationalsozialismus bewusst umgedeuteten Stücks von Karl Schönherr “Glaube und Heimat” bringen, sowie die Uraufführung eines Gegenwartsstücks, nämlich Felix Mitterers Passion Stigma. Die Stadt Hall lehnte das Stück damals als “Ansammlung von Schweinereien und Religionsverhöhnung” ab und war nicht mehr bereit, die Spiele zu veranstalten, falls “Stigma” auf dem Spielplan bliebe.

In dieser Situation bot sich Telfs unter Bürgermeister Helmut Kopp den Volksschauspielern als Veranstaltungsort an. Bis heute finden die Schauspiele in Telfs statt. Eine Vorveröffentlichung von “Stigma” führte zu landesweiten Empörungsbekundungen, es regnete Protestbriefe, Strafanzeigen gegen die Verantwortlichen und sogar Bombendrohungen gegen den Telfer Bürgermeister. Über 70 Zeitungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schickten Kritiker. Trotz der aufgeheizten Stimmung blieb der Skandal bei der von der Polizei geschützten Uraufführung aus.

In den kommenden Jahren kämpften die Volksschauspiele immer wieder um ihren Fortbestand. Der Rückzug des ORF als Hauptgeldgeber schien das Ende zu bedeuten, aber Hans Brenner und Ruth Drexel erhielten die Spiele mit Notprogrammen aufrecht, bis sich Gemeinde, Land und Bund bereit fanden, die Finanzierung dauerhaft zu gewährleisten. 1985 löste Hans Brenner Dietmar Schönherr als Obmann ab und blieb es bis zu seinem Tod 1998. Unter seiner Ägide wurden er und Ruth Drexel zu den künstlerisch prägenden Persönlichkeiten. Nach Brenners Tod leitete Drexel die Spiele bis 2009. Als ihr künstlerisches Hauptziel nannte sie, Volkstheater als Instrument zur kritischen Auseinandersetzung mit der gelebten Realität zu etablieren – klug, scharf und unterhaltsam – aber unabhängig vom Bildungshintergrund verständlich.

Programm
Eine Liste der aufgeführten Stücke und weitere Informationen sind unter Archiv zu finden.