Tiroler Volksschauspiele Telfs 2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, Ihnen das Programm der Tiroler Volksschauspiele 2017 ankündigen zu dürfen. Wir bieten heuer ein berühmtes bayerisches Volksstück, ein vielbeachtetes Stück Gesellschaftskritik eines mehrfach preisgekrönten österreichischer Gegenwartsautors und ein Stück eines ebenso gepriesenen englischen Autors, zum zur Zeit heißest diskutierten Thema.

Theater ist für uns Unterhaltung, notwendig für den seelisch/geistigen Unterhalt, ein Lebensmittel anderer Art. Wir glauben, damit eine Versorgungslücke zu schließen.

Sind zwei Stunden Auszeit aus dem digitalen Hornissenschwarm nicht ein verlockendes Angebot? – Und das zu Preisen, die die von Kinokarten kaum übersteigen: Dafür aber regional, analog und trotzdem kommunikativ, saisonal und in Echtzeit.

Man sagt, vom Himmel aus betrachtet, sähe die Welt ganz anders aus. Vielleicht muss es gar nicht ganz so weit weg sein, wie vom Himmel auf die Erde – um das eigene Leben, und damit die eigene Welt, neu zu sehen. Oft reicht schon der Abstand vom Zuschauerraum auf die Bühne.

Das Zirkuszelt auf dem Telfer Thöni-Festplatz wird heuer zum veritablen Bierzelt, und das Bierzelt zum Himmelzelt unter dem sich der „hinterzintige“ Brandner und der erbarmungswürdige Knecht der himmlischen Bürokratie, der Tod, vulgo Boanlkramer, zum legendären Kartenspiel auf Leben und Tod treffen. Zwölf Kirschgeist und einen miesen Kartentrick später sieht sich der Tod um achtzehn Jahre geprellt – und der Kaspar glaubt schon der Unabänderlichkeit ein Schnippchen geschlagen zu haben, aber der Tod ist ein erbärmlicher, aber erfahrener Himmelsknecht …
Markus Völlenklee wird das himmlisch-irdische Volksstück von Kurt Wilhelm nach einer Erzählung von Franz von Kobell Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben inszenieren.

Auch nach oben, aber in einen leeren Himmel, in eine leer laufende Maschine, schauen die Leute in Ewald Palmetshofers Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft. Sechs einigermaßen orientierungslose aber umso ego-fixiertere Figuren treffen im Paradies der erfüllten Wünsche, einer Einfamilienhaussiedlung, aufeinander. Ihre Sprache ist von der ewigen Wiederholung der Forderung, dass jetzt aber endlich mal was passieren müsse, mürbe geworden – so mürbe, wie der Schweinebraten zum 95. Geburtstag der Großmutter hätte werden sollen – auch wenn der Jubilarin im Geiste bereits eine Schnur gespannt wird, die ihren Weg zum Himmel abkürzen soll.
Susi Weber wird dieses Stück groteske Moderne im Großen Rathaussaal inszenieren.

Ein Fischer, der seit einiger Zeit nur noch Menschen fischt, und eine junge Studentin, die weniger verdient, als die Leute, denen sie in Auftrag einer Inkassofirma die letzten Kröten aus den Rippen leiern soll, stehen in Lampedusa von Anders Lustgarten auf der selben Bühne, wie sie im richtigen Leben in der selben Welt leben – ohne Verbindung. Und doch sind sie die Repräsentanten ein und derselben kruden Wirklichkeit, die hinter den Kulissen der Schlagzeilen brodelt. Der italienische Fischer Stefano und die halbasiatische Wirtschaftsstudentin Denise, Lampedusa und London, das ehemalige Urlaubsparadies und die ehemalige Börsenhochburg – sie alle haben in letzter Zeit ganz schön Federn gelassen … Hinterlistig enttarnt Lustgarten grelle Gazettenwahrheiten und verführt seine Zuschauer zum unverbrauchten Blick auf vermeintlich Bekanntes. Man muss schon ein Lustgarten sein, um der Katastrophe auch mit Humor zu begegnen und ihr Hoffnung abzutrotzen.
Thomas Blubacher, noch gut in Erinnerung als Regisseur von „Alpenkönig und Menschenfeind“ 2009 und „König Hirsch“ 2010, wird im Kranewitter Stadl inszenieren.

Und zu guter Letzt ist es mir eine große Freude vermelden zu dürfen, dass Felix Mitterer mit Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie zusammen mit Siggi und Juliana Haider in den großen Rathaussaal zurückkehrt – eine der seltenen Gelegenheiten, den großen Dramatiker auch als Darsteller auf der Bühne zu erleben.

So bleibt mir nur noch unserem Publikum erheiternde und erhellende Unterhaltung zu wünschen und darf Sie, geschätzte Herren Damen der Presse, wieder um ihre wohlwollende Aufmerksamkeit bitten.

Markus Völlenklee
Obmann der Tiroler Volksschauspiele

DIE TIROLER VOLKSSCHAUSPIELE TELFS:

Allgemein
Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Theaterfestival, das jährlich im Juli und August in Telfs in Tirol stattfindet. Es gibt keine feste Spielstätte, es werden Spielorte für die jeweiligen Stücke gesucht, die dann für die Inszenierung adaptiert werden. Die Zusammenarbeit von Profis und Laien wird seit Beginn gepflegt. Der Spielplan ist einerseits der Pflege des Volkstheatererbes verpflichtet, andererseits auf die Entwicklung eines modernen Volkstheaters ausgerichtet. Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Verein. Der Vorstand setzt sich derzeit zusammen aus: Markus Völlenklee (Obmann), Karl-Heinz Steck (Stellvertreter), Silvia Wechselberger (Geschäftsführerin), Alfred Konzett, Felix Mitterer, Klaus Rohrmoser und Susi Weber.

Geschichte
Kurt Weinzierl hatte die Idee, die im deutschsprachigen Raum arbeitenden Tiroler Profischauspieler, Bühnenbildner, Komponisten etc. nach Tirol zu bringen, um unser heimatliches Volkstheater gemeinsam mit den dortigen Künstlern neu zu beleben. Er fand Mitstreiter in Dietmar Schönherr, Otto Grünmandl und Josef Kuderna.

1981 wurde durch den FS-1-Intendanten Wolf in der Maur die Finanzierung möglich. So fanden die ersten Tiroler Volksschauspiele in der Burg Hasegg in Hall statt. Gespielt wurden “Die sieben Todsünden und ein Totentanz” von Franz Kranewitter – acht Einakter an zwei Abenden, inszeniert von sieben Regisseuren. Auf der Bühne waren zu sehen: Julia Gschnitzer, Ruth Drexel, Krista Posch, Hanne Rohrer, Dietmar Schönherr, Hans Brenner, Walter Reyer, Otto Grünmandl, Richard Haller, Franz Mössmer, Klaus Rohrmoser, Markus Völlenklee uva. Die Regisseure waren Ruth Drexel, Kurt Weinzierl, Reinhard Schwabenitzki, Dietmar Schönherr, Josef Kuderna, Gernot Friedl und Alf Brustelin. Weitere Mitwirkende waren Bert Breit (Musik), Peter Lefor (Geige), Felix Mitterer (Moritaten) und Max Keller (Licht).

1982 – die zweite Spielzeit – sollte “Kaiser Josef und die Bahnwärterstochter” von Herzmanowsky-Orlando mit neuer Musik von Werner Pirchner und eine Neuinterpretation des im Nationalsozialismus bewusst umgedeuteten Stücks von Karl Schönherr “Glaube und Heimat” bringen, sowie die Uraufführung eines Gegenwartsstücks, nämlich Felix Mitterers Passion Stigma. Die Stadt Hall lehnte das Stück damals als “Ansammlung von Schweinereien und Religionsverhöhnung” ab und war nicht mehr bereit, die Spiele zu veranstalten, falls “Stigma” auf dem Spielplan bliebe.

In dieser Situation bot sich Telfs unter Bürgermeister Helmut Kopp den Volksschauspielern als Veranstaltungsort an. Bis heute finden die Schauspiele in Telfs statt. Eine Vorveröffentlichung von “Stigma” führte zu landesweiten Empörungsbekundungen, es regnete Protestbriefe, Strafanzeigen gegen die Verantwortlichen und sogar Bombendrohungen gegen den Telfer Bürgermeister. Über 70 Zeitungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schickten Kritiker. Trotz der aufgeheizten Stimmung blieb der Skandal bei der von der Polizei geschützten Uraufführung aus.

In den kommenden Jahren kämpften die Volksschauspiele immer wieder um ihren Fortbestand. Der Rückzug des ORF als Hauptgeldgeber schien das Ende zu bedeuten, aber Hans Brenner und Ruth Drexel erhielten die Spiele mit Notprogrammen aufrecht, bis sich Gemeinde, Land und Bund bereit fanden, die Finanzierung dauerhaft zu gewährleisten. 1985 löste Hans Brenner Dietmar Schönherr als Obmann ab und blieb es bis zu seinem Tod 1998. Unter seiner Ägide wurden er und Ruth Drexel zu den künstlerisch prägenden Persönlichkeiten. Nach Brenners Tod leitete Drexel die Spiele bis 2009. Als ihr künstlerisches Hauptziel nannte sie, Volkstheater als Instrument zur kritischen Auseinandersetzung mit der gelebten Realität zu etablieren – klug, scharf und unterhaltsam – aber unabhängig vom Bildungshintergrund verständlich.

Programm
Eine Liste der aufgeführten Stücke und weitere Informationen sind unter Archiv zu finden.